Kontakt & Mail

 

 
 
 
.








.

     Parcours 2010

    
  Sheila Reimann
  Foto: Gabi Waldeck   
Das Ausstellungs-Novum PARCOURS im Mischhaus-Garten ist ein Mosaik verschiedener Kunstimpulse, Kunsthaltungen und Kunstobjekte, eine Mixtur aus immerhin 4 Künstlergenarationen, durchsetzt von 9 Künstlern (bei insgesamt 13), die eine autodidaktische künstlerische Vita haben und die Ausstellung ist untersetzt von "älteren Barden" und jüngeren Künstlern, die reichlich Erfahrungen mit Kunst im öffentlichen Raum haben.

Das betrifft insbesondere die Vertreter der Freiluftgalerie Stötteritz, die ehemaligen Protagonisten des "Mobilen Büros für Erdangelegenheiten", aber auch Franziska Moebius und Heinke Binder. Die Künstler haben die Signakle des Ortes dünnhautig wahrgenommen, sind verwehten oder offensichtlichen Spuren nachgegangen und haben verschiedene Energien in das Gesamtkonzept eingebracht.
Der älteste Künstler des Parcours, aber auch der Künstler, der die längsten und widersprüchlisten Erfahrungen mit Kunst im urbanen Raum hat, ist Günther Huniat. Vor kurzer Zeit konnte er das 30-jährige Jubiläum der Freiluftgalerie Stötteritz feiern. 

Als nimmermüder Initiator, Motor und Künstler im nunmehr ältesten und kontinuierlichsten Präsentationsort für Kunst im öffentlichen Raum hat er Freiräume für Kunst und deren Macher - fernab akademischer Kunstproduktionsdoktrinen - erkämpft und erschlossen. Huniat hat "wie kaumein anderer, zumal in Leipzig, den homo ludens freigelassen. Seine Gebilde aus Holz und Metall verraten den Spaß am Kombinieren und bei allem Spiel immer den bildnerischen denkenden Künstler, den Form und Gestaltung wichtig bleiben." (Meinhard Michael)

Der mit Abstand jüngste Beteiligte, auch was seine künstlerischen Bemühungen betrifft, ist Carsten Freitag. Wir begegnen hier einem Objekt auf weißem Stahlsockel. Das interessante, bereits rostig metallene Ogjekt ist ein Fundstück unbekannter Herkunft und Funktion. Angelehnt an die Ready-Made-Tradition sind auch hier triviale Gegenstände und Materialien anders kombiniert worden, erscheinen uns als Erhebung zum Kunstwerk in neuen Sinnzusammenhängen; die Arbeit hat spielerische und auch provokante Züge. Seit 2008 beschäftigt sich der gelernte Schlosser mit Plastik - offensichtlich angeregt durch Objekte, die in sich Geheimnisse verbergen und die durch die Patina der Zeit einen besonderen Charme entwickeln. Er definiert sich als Schrott-Künstler.

Eine ähnliche Arbeitsweise liegt auch den Objekten von Bruno Beratti zugrunde. Durch Phantasie geleitete Objekte mit irgendwelchen Fundstücken  – sie sind ja nie irgendwelche – diese Fundstücke werden bearbeitet, umgearbeitet und erhalten dadurch andere Sinn- und Formzusammenhänge. In diesem Fall kommt es als Störfeld in der gewachsenen Struktur des Gartens daher. Das ist kein neues Kunst-Spiel. Die Faszination liegt aber insbesondere in der von ihnen ausgestrahlten Aufforderung „selbst loszumachen“, Phantasie und Hände selbst zu gebrauchen. Das spielerische Moment setzt direkt auf den Betrachter, der daran Spaß haben soll – und bestenfalls selbst aktiviert wird.

 

Die konsequenteste Arbeit – bezogen auf den vorgefundenen konkreten Raum – ist für mich die zweiteilige von Jens Pfuhler und Ingo Regel, die dem „genius loci“ auf der Spur ist. Der ehemalige Sandkasten bzw. das Boolspielfeld wurde dafür temporär entfunktionalisiert. Mit beeindruckend einfachen Naturmaterialien gelingst es Pfuhler, diesen sehr präsenten Gartenbestandteil hervorzuheben, sozusagen durch die Veränderung und Markierung zu adeln, indem er den vorhandenen Sand geglättet, „gekämmt“ und farbig gepudert hat – in dem Wissen, dass sich diese Markierung im Laufe der Zeit durch natürliche Faktoren verändern wird – und zielt inklusive ihres Titels „Vergänglich“ auf den Kern der Gesamtkomposition Sie berührt die Problematik von Kunst im öffentlichen Raum praktisch wie theoretisch.

Pfuhlers Beitrag fungiert darüber hinaus noch als im wahrsten Wortsinn als „Tritt-Bett“ für das Windspiel seines Künstlerfreundes Ingo Regel. Regels Objekte sind überwiegend aus Naturmaterialien komponiert (als Himmelsleitern, Flugobjekte, schwebenden Engeln u. a. ), zeichenhaft, additiv ausgebaut und zeigen deutlich die Entstehungsstrukturen, behalten die Erinnerung an das Werden, die Entstehung der Form und auch ihre Brüchigkeit/Verletzbarkeit – also die Veränderung. „In der Erkundung der Wirkkräfte der Natur, in der Geister und Dämonen ebenso am Werke sind wie die so unbestechlichen Naturgesetze, im Sich-Einlassen auf transrationale Wahrnehmungsweisen … manifestiert sich Regels Suche nach den ursprünglichen ganzheitlichen Zuständen und Seinsweisen“ (Harald Kunde). So erleben wir hier eines seiner wunderbar zarten wie kraftvollen Windspiele. Aus Ästen und Zweigen, mit deutlicher Beziehung zur Erde, ist das Grundgerüst montiert – und dazu mit leichter Ironie vier Hängeelemente komponiert, gleichsam als Zeichen unserer Existenz: Zum kleinen Erd-Kokon, geformt wie eine höhlenartige Behausung gesellt sich ein tierisches Fabelwesen in erdiger Präsenz zu einem blauen, abstrakten Zeichen und eine luftige, aber klar konstruierte Röhre, eine Trompete darstellend – ebenfalls aus Geäst. Das alles noch deutlich abgesetzt zum Umfeld, durch starke Farbigkeit pointiert.

 


Im Teich  sind 3 kleine Installationen von Carsten Busse „festgehakt“. Busses Werk ist durch Konzeptkunst, Aktionen, Malerei, Installationen ebenso geprägt ist wie durch seine Beiträge als Autor und Kunstkritiker, als Galerist der Galerie Born + Busse sowie als Mitglied der ehemaligen, der Konzeptkunst verschriebenen Künstlergruppe solitaire.FACTORY. Busse schreibt dazu: „Meine neueren Arbeiten orientieren sich wieder an konzeptueller Kunst und knüpfen damit an die Arbeit von solitaire.FACTORY an.“Das dritte Geheimnis““ – der Titel – spielt auf das „Wunder von Festina an, also auf die göttlichen Botschaften, die Lucia 1927 in Portugal von der Muttergottes empfangen hat. Die 3 Installationen gehören zur Werkgruppe „here today“, die erstmals bei der diesjährigen 24-Stunden-Ausstellung gezeigt wurden.“ Von der versenkten Sprachtafel ETERNITY, die ein Teil der Installationen ist, führt es den Betrachter zu einem höchst einfallsreichen wie poetischen Tischtennis-Ball-Feld, dem ebenso ein diffuses Strahlen immanent ist wie der „Ewigkeit“ zu einer unerwarteten, weil in der Dimension völlig nichtigen Installation einer Arche.

Als Kontrapunkt zu dieser, Installation kommt dem Besucher die „klassische“ Porphyrarbeit von Reinhard Rösler entgegen. Diese bildhauerisch klare, gut gearbeitete Stein-Hand ragt uns offen entgegen – wie ein Kelch. Sie ist halb im Teich eingebettet, kommt aber ihrer Funktion nach, Wasser aufzufangen oder durchzulassen im ewigen Strom – unterschiedlich in der Dynamik wie in der Fülle. Als poetisches Bild für den Kontext von Herz, Hirn und Tatkraft wird sie zu „Pons“, zur Brücke, wie Rösler sie benannt hat. Sie ist symbolisch und konkret körperlich, denn sie ist im wahrsten Wortsinn auch Brücke zwischen  den sie umgebenden Steinen und Bewachsungen  – und vielleicht ist sie auch eine Brücke für Frösche, Insekten, laufende Fische und andere Outsider… oder was auch immer? Rösler arbeitet fast ausschließlich mit den Naturmaterialien Holz und Stein – auf sehr direkte und archaische Weise, getragen von einem Bewusstsein, das auf die Erdgeschichte verweisen soll und gleichzeitig auch als Appell an die Verpflichtung des Menschen gerichtet, bewusst mit der Natur umzugehen – eine Auffassung, die die Würde und Achtung vor der Stofflichkeit als einer wichtigen Grundlage menschlicher Existenz intendiert. Voller Lust am Körperlichen kommt sie daher, antizipiert sie das Ur-Geschlechtliche, den Ur-Wuchs als ein naturhaftes Seinspathos des Menschen.

In unmittelbarer Nähe zum Teich ist ein monadisches, metallfunkelndes Gebilde auf die Erde gesetzt – eine erst entstandene Plastik aus Wickelblei und Holz von Karl Anton unter dem Titel „Lade“. Erfahrbar von verschiedenen Seiten und differenten Blickwinkeln, geht sein Objekt der idealsten Naturform, dem Kreis nach, der ja in der Natur nicht wirklich existent ist – jedenfalls nicht im mathematisch ein-ein-deutigen Sinne. Dieser Ansatz ist mutig, das Objekt ist formschön dazu und hat eine ihm gemäße Dimension. Anton  bricht die Kreisformen bewusst durch ein Querelement gleicher Stofflichkeit.

Über all dem schwebend verbindet das Tape („Magnetlinie“) in seiner dynamischen Materialität und Präsenz von HAEL YXXS  das Areal des nun mit Kunst eroberten Gartens mit dem angrenzenden profanen Wohn-Gebäude. Versuchsanordnung einer „möglichen inneren“ Verbindung zwischen Nachbarn? Das „schnöde“ Tape mit ideeller Wirkung als Transportband von Gefühlen, Gedanken, eventuell von Handlungen – der Unberechenbarkeit des Windes und der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Ein wunderbar einfacher Eingriff mit „magnetischer“ Zielrichtung auf benachbarte Menschen – oder die Quadratur des Kreises? Gravitation, Anziehungskraft zwischen kosmischen Massen war einst das Diplom-Thema von HAEL YXXS an der physikalischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau. Seine bevorzugten künstlerischen Arbeitsfelder lassen sich wie folgt beschreiben: Objekte (insbesondere kinetische), Installationen, Fotografie, sprachkünstlerische Aktionen, digitale Medien und natürlich Kunst im öffentlichen Raum  - immer auf der Spur der „fortwährenden Produktion von Unwahrscheinlichkeit“, der  Kultivierung von Nichtwissen“ (wikipedia).

Sehr erfreulich ist, dass Franziska Moebius und Heinke Binder für die Ausstellung gewonnen werden konnten, denn Künstlerinnen sind leider rare Erscheinungen auf den weiten Feldern von Kunst im öffentlichen Raum. Beide haben sich diesbezüglich bereits längst hohe Anerkennung erworben. Geht man den Parcours entlang, offenbart sich an der Hausmauer zum Nachbargrundstück unerwartet, unaufdringlich, poetisch-knochig und singulär für diese Exposition: Malerei. Genauer, eine Acrylarbeit von erdiger Farbigkeit auf Folie – für den Außenraum präpariert. Die Arbeit wuchert buchstäblich aus dem Efeu heraus und entfaltet ihren Reiz im Zusammenspiel mit den sie umgebenden Naturkomponenten. Auf ihrer Homepage kann man u. a. lesen: „Auf Linien ist kein Verlass. Sie neigen zur List, zur Andeutung, zum kindlichen Lügen. Sie locken uns in ihre Welt der Bodenlosigkeit, hinein in die Tiefe des Blattes. Man kann sie nicht festhalten und ausfragen. Nur beobachten."
Ein erfrischender Einfall von Heinke Binder: Vier unübersehbare Terracotta-Figuren generieren sich als Gemüsebeetwächter. Dieses Credo unter freiem Himmel zielt auf den konkreten Garten-Ort. Die nicht zu übersehenden Steinzeug-Plastiken zählen übrigens zu den kleineren bildhauerischen Arbeiten in ihrem Werk – trotz ihrer Größe und Voluminösität. In den letzten 20 Jahren schuf die diplomierte Künstlerin große Figurengruppen. Die Figuren sind – wie auch die Gemüsewächter – individualisiert als symbolische Porträtplastiken. Ihre bevorzugten Materialien sind außer dem wunderbaren Werkstoff Keramik mit seinen vielen Möglichkeiten des kontrollierten Brandes auch Ziegel aller Art, aber auch Holz und Metall. Von Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit an hat sich Binder für zeitgenössische Skulptur in Parks und auf öffentlichen Plätzen stark gemacht.

Im Eingangsbereich begrüßen den Besucher Arbeiten des Malers, Bildhauers und Performers Andreas Hanske. Der Kunstwissenschaftler Harald Kunde beschrieb diesen Widerspenstigen ehemaligen Geophysiker ohne Kunst-Diplom treffend als den „ruhelosen Sprengmeister aller Kunstschachteln“. Ihn haben immer übergreifende Zusammenhänge, die die generelle Problematik heutigen menschlichen Fortlebens betreffen, interessiert und seine enorme und enorm vielfältige künstlerische Produktivität bestimmt. Und immer ist der erste Eindruck in allen Arbeiten: die Farbe, intensiv explosiv, als wöllte der Künstler selbst, in Farbe badend, sich ihr anverwandeln. Farben von leuchtender Brillanz bestimmen so auch das Entree des architektonisch schwierigen, sonst öden langen Flures mit 3 Objekten, die seine Material- und Farbvorlieben deutlich zeigen: Hängende Objekte mit starken Farben mit verschiedenfach bearbeiteten Papieroberflächen. Assoziationen zu Lampen, zu Planeten kommen auf. Ein zusätzlicher Reiz entsteht durch deren Beweglichkeit, wenn der Wind in den Eingang bläst. Hanskes einerseits strenges Denken (des diplomierten geophysikers), von Maß und Zahl beeinflusst, und andererseits seine Farb- und Formlust begeistert.

Last but not least: Elmar Schenkel, Prof. für englische Literaturwissenschaft und Leiter des Studiums universale an der Universität Leipzig, seines Zeichens auch Autor zahlreicher Sachbücher und Essays, bekannt auch als Schriftsteller von Erzählungen, Gedichten, Reisebüchern und dem Roman "Leise Drehung", ebenso bekannt als Übersetzer britischer Lyrik, gibt uns die Ehre, sein Offenes Atelier zu besuchen, denn er beschäftigt sich seit einiger Zeit auch mit bildender Kunst.

Der Mischhaus-Garten ist nunmehr: bewässert, bepflanzt, bespielt, behauptet, bevölkert, behütet, beseelt und be-kunstet - nehmen wir es an!

Text: Sheila Reimann / 17. Juli 2010
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 

 
 
 
Buno Beratti --- Bildhauerei, Malerei und Grafik, Steampunk